1. Maßlose Kosten und utopische Versprechungen.
Das Bewerbungskonzept klingt gut, ist aber kein verbindliches Umsetzungskonzept. Die Planung kann beliebig vom IOC geändert werden. Was davon am Ende Realität wird, ist völlig offen. Als Sinnbild nachhaltiger Planung wird der Olympiapark von 1972 genannt – ein gelungenes Beispiel, keine Frage. Aber: Dieser Park existiert längst. Er bietet heute schon Raum für Sport, Freizeit und Erholung. Dass er durch temporäre Anlagen, die nach Olympia wieder abgebaut werden, noch „attraktiver“ werden soll, ist wenig überzeugend.
Denn geplante „neue“ Sportangebote wie beispielsweise 3×3-Basketball oder BMX sind nur temporär vorgesehen, etwa auf dem Sportplatz der Teutonia München. Dort spielen aktuell über 600 Kinder Fußball – sie müssten für viele Jahre weichen. Das ist kein Gewinn für die Bevölkerung, sondern ein Verlust für den Breitensport.
Auch der Rückblick auf 1972 wirkt verklärt: Die Modernisierung der Stadt – U-Bahn, Infrastruktur, Stadtentwicklung – hätte es auch ohne Olympia gegeben, wie auch der damalige OB Hans-Jochen Vogel in einem Leserbrief betonte. Der Gedanke, München verdanke seine Lebensqualität den Spielen, ist eine überhöhte Zuschreibung.
Und schließlich: Viele der als „visionär“ bezeichneten Infrastrukturprojekte, wie der Bau der U9, der Ringschluss oder der Fernverkehrsanschluss des Flughafens, hängen nicht vom Olympia-Kalender ab, sondern von Planungsverfahren, Finanzierung und politischem Willen. Erwartungen, sie ließen sich durch Spiele plötzlich beschleunigen, sind keine nachhaltige Planung, sondern olympische Illusion – das zeigen nicht zuletzt die Kostenexplosion und die Verzögerungen beim Bau der 2. Stammstrecke.
2. Viele der Wettkampfstätten sind nicht nachhaltig.
90 Prozent der Sportstätten sollen im Umkreis von 30 Kilometern um den Olympiapark liegen, doch das sagt wenig über ihre tatsächliche Nachhaltigkeit aus. In Wirklichkeit sind zahlreiche temporäre Bauten geplant, bei denen von Kosten in Milliardenhöhe die Rede ist und die nach den Spielen wieder verschwinden. Ein Beispiel: Die Schwimmanlage.
Die bereits existierende Olympiaschwimmhalle darf laut IOC-Regeln nicht genutzt werden, weil ihr zwei Bahnen fehlen. Stattdessen soll in Freising eine komplett neue, teure, temporäre Schwimmanlage errichtet werden – nur für die Spiele. Danach wird sie wieder abgebaut.
Auch andere temporäre Veranstaltungsorte, etwa auf der Theresienwiese oder auf dem Messegelände, sind mit einem enormen Aufwand verbunden, bringen aber keinen dauerhaften Nutzen für den Breitensport. Davon, dass Bürger:innen davon langfristig profitieren sollen, ist in der Realität wenig zu sehen.
Im Gegenteil: München müsste für teure Übergangslösungen tief in die Tasche greifen und das bei einer ohnehin angespannten Haushaltslage. Statt Investitionen in dauerhaft nutzbare Sportstätten zu lenken, würde hier öffentliches Geld für vergängliche Prestigeprojekte verschwendet, die weder ökologisch noch sozial nachhaltig sind.
Wenn Nachhaltigkeit wirklich ein zentrales Anliegen ist, braucht es dauerhafte, alltagstaugliche Lösungen für Sport und Bewegung – nicht eine milliardenschwere Einweg-Olympiade.
3. Bauen für Olympia – oder für die Menschen, die hier leben?
Die Stadtentwicklung sollte sich nach den Bedürfnissen der Menschen ausrichten – nicht nach einem einzigen Millionen-Event.
Klarer Kurs im Wohnungsbau – ohne Olympia-Umweg:
München braucht dringend neue, bezahlbare Wohnviertel – die Stadt entwickelt sich aber auch ohne Olympia. In Daglfing ist die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) bereits beschlossen und könnte heute schon umgesetzt werden. Die Frage ist: Warum verzögert sich der Bau, wenn kein Olympia im Spiel ist? Wenn Flächen vorhanden sind, braucht es politischen Willen, nicht ein Großevent. Das geplante Olympische Dorf wirkt zudem ineffizient: 19.000 Menschen werden für die Spiele untergebracht, danach wird es aufwendig auf 10.500 Wohnungen umgebaut. Warum nicht gleich nachhaltig für die Bürger:innen planen? In einer Stadt mit Wohnraummangel ist das ein kostspieliger Umweg.
ÖPNV für den Alltag – nicht für zwei Wochen:
Das Versprechen, Olympia beschleunige den ÖPNV-Ausbau, klingt verlockend. Projekte wie die U4-Verlängerung, die U9 oder der S-Bahn-Ringschluss sind zweifellos wichtig – nur warum sollte der Ausbau mit Olympia plötzlich schneller gehen? Großvorhaben brauchen sorgfältige Planung, Genehmigungen, Finanzierungszusagen und vor allem politische Priorität. Ob sie 2036, 2040 oder 2044 fertiggestellt werden, hängt nicht von einem Sportereignis ab, sondern vom Willen und der Handlungsfähigkeit der Politik. Olympia ersetzt keine Planfeststellungsverfahren, keine Haushaltsentscheidungen und keine Bauzeiten.
Der entscheidende Punkt ist:
Der Nahverkehr muss sich am Alltag der Münchner:innen orientieren – nicht daran, wie Millionen Besucher:innen für wenige Wochen zu Sportstätten gelangen. Heute werden Buslinien ausgedünnt, weil die Finanzierung fehlt. Statt Millionen in eine Olympia-Bewerbung zu stecken, sollte München bestehende Angebote sichern und den Ausbau konsequent für die Menschen vorantreiben, die hier jeden Tag unterwegs sind.
Lernen aus anderen Städten:
Internationale Beispiele zeigen, wie riskant Olympia als Stadtentwicklungsprojekt ist. In Barcelona, London und Paris kam es nach den Spielen zu steigenden Mieten und sozialer Verdrängung in neu gebauten Vierteln. München braucht aber genau das Gegenteil: bezahlbaren Wohnraum, kluge Stadtplanung und eine Mobilität, die den Alltag trägt – keinen olympischen Ausnahmezustand mit zweifelhafter Langzeitwirkung.
4. Olympia bringt kaum Vorteile für den Alltagssport.
Befürworter versprechen, dass die Spiele Sport und Inklusion stärken. Barrierefreie Anlagen, sportliche Vorbilder, mehr Bewegung – das klingt gut. Doch der Realität hält diese Erzählung kaum stand.
Studien zeigen: Olympia fördert vor allem den Spitzensport, nicht den Breitensport. Das oft bemühte Argument, sportliche Vorbilder führten zu mehr Bewegung in der Bevölkerung, ist wissenschaftlich widerlegt. Das zeigt auch das Beispiel London 2012: Damals versprach man, Großbritannien zum aktivsten Land Europas zu machen. Doch die Realität war ernüchternd: Steigende Adipositasraten, vor allem bei Kindern, und ein Rückgang der Breitensport-Aktivität unter das Niveau von vor den Spielen.
Zudem treiben in München schon jetzt 70 % der Menschen regelmäßig Sport, das ist ein bundesweiter Spitzenwert. Olympia wird diesen Wert kaum steigern. Im Gegenteil: Jeder Euro, der in temporäre Sportstätten und milliardenschwere Events fließt, fehlt möglicherweise an anderer Stelle: bei der Sanierung von Schwimmbädern, bei neuen Sporthallen, bei verlässlicher Unterstützung von Sportvereinen. Gerade der Alltagssport, der für Gesundheit, Integration und Bildung so wichtig ist, wird nicht durch ein zweiwöchiges Spitzensport-Event gefördert, sondern durch langfristige Investitionen in kommunale Infrastruktur.
Und auch bei der Inklusion gilt: Die Paralympics sind ein starkes Symbol. Aber echte Fortschritte entstehen durch dauerhafte Barrierefreiheit, inklusive Vereine und konkrete Angebote im Alltag. Viele Behindertenverbände fordern genau das seit Jahren. Ein wirklich inklusives Zeichen wäre es, genau hier anzusetzen, statt mit Milliarden ein Event auszurichten, das am Alltag vieler Menschen vorbeigeht.
5. Olympia als Wirtschaftsmotor? Die Realität sieht ander aus.
Olympia verspricht wirtschaftlichen Aufschwung, mehr Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Doch Studien zeigen: Ein nachhaltiger wirtschaftlicher Nutzen ist weder auf nationaler noch auf regionaler Ebene belegt.
Kurzfristig profitieren einzelne Branchen wie der Tourismus oder die Gastronomie – wenn auch nicht im erwarteten Ausmaß: In Paris kamen statt der erwarteten 15 Millionen Olympia-Besucher nur zwei Millionen mehr als sonst im Sommer. Die meisten waren Französinnen und Franzosen, welche keine Hotels buchten. Das lokale Gastgewerbe zeigte sich enttäuscht vom Olympia-Effekt.
Auch die oft genannten neuen Arbeitsplätze erweisen sich bei genauerem Blick als temporär. Studien zeigen, dass Spiele meist zwischen 50.000 und 300.000 zusätzliche Stellen schaffen, allerdings vorübergehend und häufig durch Jobwechsel, nicht durch neue Beschäftigung.
Und was ist mit regionalen, oberbayerischen Unternehmen? Werbeflächen und Vermarktungsrechte liegen fast ausschließlich beim IOC und seinen internationalen Sponsoren. Lokale Betriebe haben wenig davon. Eine nachhaltige Stärkung der Münchner Wirtschaft ist durch Olympia nicht zu erwarten.
6. Marketing-Versprechen ohne Substanz.
„Olympia verbindet“ – das klingt gut. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das als wohlklingender Werbespruch mit wenig Substanz. München hat in den letzten Jahren bereits mehrfach bewiesen, dass es stimmungsvolle Großereignisse kann, etwa mit den European Championships 2022, der Fußball-EM, dem Champions-League-Finale oder internationalen Großkonzerten. Braucht es wirklich ein noch größeres, riskanteres Megaevent, um die Stimmung zu heben?
Statt weichgespülter und inhaltsloser Marketing-Versprechungen braucht es jetzt einen ehrlichen Blick auf die realen Konsequenzen. Olympische Spiele sind nicht nur emotional aufgeladene Erlebnisse – sie sind vor allem komplexe und extrem teure Großprojekte. Seit 1960 hat keine einzige Gastgeberstadt ihr Budget eingehalten. Die Spiele in Rio lagen 350 % über Plan, Tokio 120 %, Paris 110 %, London 75 %. Warum sollte ausgerechnet München die Ausnahme sein?
Nicht das IOC muss das finanzielle Risiko rund um die nicht zu kalkulierende Mehrkosten tragen, sondern die Stadt, also die Steuerzahler:innen. Und das in einer Lage, in der München ohnehin stark belastet ist. Schon jetzt wird für 2025 ein Schuldenstand von 7,5 Milliarden Euro erwartet, bis 2028 könnten es über 11,6 Milliarden Euro werden. Olympia würde diese Lage deutlich verschärfen. Das ist nicht zukunftsgerichtet, sondern unverantwortlich.
Und all das für ein paar symbolträchtige Wochen mit schönem Rahmenprogramm. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht durch zwei Wochen Olympia, sondern durch verlässliche soziale, kulturelle und sportliche Infrastruktur im Alltag. Genau hier müsste angesetzt werden.
7. Spiele, die sich der Stadt anpassen?
Bisher nicht erkennbar.
Das IOC verspricht eine neue Ära: Spiele, die sich an die Ausrichterregion anpassen und nicht umgekehrt. Klingt gut. Doch die Praxis spricht eine andere Sprache: Noch immer passt sich die Stadt den Spielen an – nicht die Spiele der Stadt.
Ein Beispiel dafür ist die temporäre Schwimmhalle: Obwohl mit der Olympiaschwimmhalle bereits eine Sportstätte existiert, darf sie laut IOC-Regeln nicht genutzt werden, weil sie zwei Bahnen zu wenig hat. Statt eine Ausnahme zuzulassen, wird für mehrere Hundert Millionen Euro eine neue, temporäre Schwimmanlage in Freising geplant. Nach den Spielen wird sie wieder abgebaut. Das ist weder nachhaltig, noch angepasst an lokale Gegebenheiten.
Fast eine Milliarde Euro sollen allein für temporäre Sportstätten ausgegeben werden – ein enormer Aufwand mit keinem dauerhaften Nutzen. Und selbst dort, wo nachnutzbare Bauten entstehen sollen, bleibt unklar, ob sie wirklich dem Bedarf der Münchner Bevölkerung entsprechen oder lediglich IOC-Vorgaben erfüllen.
Hinzu kommt: Das neue Vergabeverfahren ist alles andere als transparent. Früher mussten Bewerberstädte ihre Konzepte offen in sogenannten „Bid Books“ präsentieren – heute laufen Gespräche mit dem IOC hinter verschlossenen Türen, ohne demokratische Kontrolle. Selbst wenn die Münchner:innen im Oktober über ein Konzept abstimmen, kann das IOC dieses nachträglich ändern, ohne Einflussmöglichkeit der Stadt oder ihrer Bürger:innen.
Demokratie, Verlässlichkeit und Anpassung an lokale Bedürfnisse? Diese Prinzipien bleiben im olympischen Prozess bisher mehr Wunsch als Wirklichkeit.